RADIKAL UND AUTOBIOGRAFISCH


"Als Autorin habe ich eine radikale Haltung“, betonte die Ulli Lust zum Abschluss des dritten Tages des Literaturfestes.

Eine weitere Veranstaltung für Kinder zum Thema Anders-Sein stand am Vormittag auf dem Programm, als Michael Stavarič bei seinem Workshop diverse Zaubersprüche und jede Menge anderer Geschichten auspackte.„Ich lebe vom Autobiografischen, das ist meine Literatur“, beschreibt Margit Schreiner im bis auf den letzten Platz gefüllten Vintage-Laden Jetlag ihren Zugang zum Schreiben. In ihrem neuen Buch „Kein Platz mehr“ stellt sie heitere Betrachtungen über einen menschlichen Wesenszug an, dem offenbar niemand entrinnen kann: Hausrat, Mobiliar, Dinge anzusammeln, bis eben kein Platz mehr ist.

Es gab tatsächlich einen Moment im Leben Thomas Bernhards, in dem er Salzburg nicht als Todeskrankheit empfunden hat: als er 16-jährig die Schule abbrach und selbstbestimmt eine Kaufmanns-Lehre begann. StudentInnen des Thomas Bernhard Instituts der Universität Mozarteum zeichneten im Rahmen eines Spaziergangs Lebensstationen Bernhards bis zu diesem Entschluss hin nach. Ausgehend vom „Friedensort“ Sebastiansfriedhof, der durch Rezitation und Geigenspiel sehr stimmungsvoll geprägt wurde, führte die Textperformance an fünf Schauplätze im Andräviertel.

Die in Wien lebende Schriftstellerin Ann Cotten präsentierte im Weinarchiv des arthotel Blaue Gans gemeinsam mit Lucy Cotten und Mario Schlager eine Art Wiener Lied 3.0 zwischen Granteln und Schmähführen: Mit ihrem Musikprojekt Dental Princes verbanden sie skurrile und teils groteske Liedtexte mit schrägen bis gegenläufigen Rhythmen.

Es war die „Sehnsucht nach der Welt“, die in den Jahren rund um 1968 diese Atmosphäre des Auf- und Ausbruchs erzeugt hat, so der Literaturwissenschaftler und Autor Helmut Lethen, der gemeinsam mit der feministischen Sozialwissenschaftlerin Edit Schlaffer und dem Schriftsteller Frank Witzel in den Kavernen 1595 ein Podiumsgespräch zu „1968 – Kulturen der Revolution“ führte. Mit sehr persönlich gehaltenen Rückblicken gaben die DiskutantInnen diesen historischen Jahren eine recht menschliche Dimension. Vom Ausbruch aus der Enge des damals vorherrschenden ideologischen Systems sei vor allem das Aufblühen einer Alternativkultur, das Erstarken der Frauenbewegung und die Aufarbeitung der Nazi-Herrschaft geblieben. Durch die Rigidität marxistisch-leninistischer Kader und die durch den RAF-Terror ausgelöste Beklemmung sei aber auch viel Energie der Revoltenjahre verpufft.

„Als Autorin habe ich eine radikale Haltung“, betonte die Comic-Autorin Ulli Lust zum Abschluss des dritten Tags des Literaturfestes. In ihrer aktuellen autobiographischen Graphic Novel „Wie ich versuchte, ein guter Mensch zu sein“ zeigt sie diese Haltung mit verblüffender Ehrlichkeit.

Foto: Ulli Lust © Literaturfest Salzburg / Erika Mayer

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