ERFOLGREICHE NEUAUFLAGE


Auch in diesem Jahr sind die unterschiedlichen Programmformate des Literaturfestes, das erstmals von Christa Gürtler und Valerie Besl kuratiert wurde, vom Publikum begeistert angenommen worden. Zahlreiche Veranstaltungen waren dem Thema Revolte gewidmet, Sonntagmittag ging das Festival mit einer Lyrik-Matinee erfolgreich zu Ende. 2019 findet das Literaturfest Salzburg von 22. bis 26. Mai statt.

Im Rahmen der Eröffnung in der Großen Universitätsaula schilderte Büchner-Preisträger Friedrich Christian Delius mit „Die Zukunft der Schönheit“ die durch Proteste gegen den Vietnamkrieg aufgeheizte Stimmung im New York der 1960er Jahre, die auch in den wilden Klangkaskaden des Freejazz ihren Ausdruck fand. Barbara Frischmuth las u. a. aus ihrem 1968 erschienen Roman „Die Klosterschule“ und machte deutlich, wie nicht zuletzt die Enge und Strenge einer damals üblichen konservativen Erziehung Grund für die Umbrüche dieser Jahre waren. Den fulminanten Schlusspunkt setzte dann der Schweizer Sprachkomponist Michael Fehr mit skurrilen, mit Witz und Verve vorgetragenen Erzählungen wider allen Denkgewohnheiten.

Am zweiten Tag stand das Anders-Sein und die persönlichen Aufbrüche im Zentrum: Rund 150 Kinder folgten im Literaturhaus Salzburg gebannt den Erzählungen der Schriftstellerin Renate Welsh, die zu einem gemeinschaftlichen Umgang aufforderte: „Bücher können etwas gegen Vorurteile tun – und ich schreibe Kinderbücher, weil man damit gar nicht früh genug anfangen kann.“
Katharina Winkler las zu Mittag im 220 Grad Nonntal aus ihrem gefeierten Debüt "Blauschmuck", in dem sie von den titelgebenden Folgen von Gewalt in einer archaischen Gesellschaft erzählt. „Sich nicht fügen wird als Symptom einer mentalen Krankheit gesehen“, berichtete die junge Schriftstellerin Deborah Feldman über ihr Leben in der ultraorthodoxen jüdischen Satmarer-Gemeinde in New York. 2009 gelang es ihr, aus diesem geschlossenen Milieu mit rigiden Regeln und Strukturen in ein freies, selbstbestimmtes Leben aufzubrechen.
Eines der glücklichen Zusammentreffen von Text und Musik ergab sich im Jazzit unter dem Titel „von satzsprüngen und klangkatastrophen“: Auf den sprachgewandten Wortwitz des Bachmann-Preisträgers Ferdinand Schmalz antwortete die Pianistin Clara Frühstück klanggewaltig mit Stücken aus der klassischen Klavierliteratur.

Freitagvormittag wurde gemeinsam gedichtet, gezeichnet und gerätselt, als Michael Stavarič bei seinem Workshop diverse Zaubersprüche und jede Menge anderer Geschichten auspackte. „Ich lebe vom Autobiografischen, das ist meine Literatur“, beschrieb Margit Schreiner im Vintage-Laden Jetlag ihren Zugang zum Schreiben. In ihrem neuen Buch „Kein Platz mehr“ stellt sie heitere Betrachtungen über einen menschlichen Wesenszug an, dem offenbar niemand entrinnen kann: zu sammeln, bis eben kein Platz mehr ist. Schreiner war auch die erste Autorin der neuen Literaturfest-Reihe „Hausbesuche“ und begeisterte bei einigen Lesungen in privatem Rahmen.

Es gab tatsächlich einen Moment im Leben Thomas Bernhards, in dem er Salzburg nicht als Todeskrankheit empfunden hatte: als er 16-jährig die Schule abbrach und selbstbestimmt eine Kaufmanns-Lehre begann. StudentInnen des Thomas Bernhard Instituts der Universität Mozarteum zeichneten im Rahmen eines Spaziergangs Lebensstationen Bernhards bis zu diesem Entschluss hin nach. Außerdem konnte man Texte von Thomas Bernhard an den Schaufenstern in der Altstadt während des Literaturfestes weiterlesen.
Spätnachmittags präsentiere die Schriftstellerin Ann Cotten im Weinarchiv des arthotel Blaue Gans gemeinsam mit Lucy Cotten und Mario Schlager eine Art Wiener Lied 3.0 zwischen Granteln und Schmähführen: Mit ihrem Musikprojekt Dental Princes verbanden sie skurrile und teils groteske Liedtexte mit schrägen bis gegenläufigen Rhythmen.

Freitagabend wurde dem Festivalthema „Revolte“ nachgegangen: Es war die „Sehnsucht nach der Welt“, die in den Jahren um 1968 eine Atmosphäre des Aufbruchs erzeugt hat, so der Literaturwissenschaftler und Autor Helmut Lethen, der gemeinsam mit der feministischen Sozialwissenschaftlerin Edit Schlaffer und dem Schriftsteller Frank Witzel in den Kavernen 1595 ein Gespräch zu „1968 – Kulturen der Revolution“ führte. Vom Ausbruch aus der Enge des damals vorherrschenden ideologischen Systems sei vor allem das Aufblühen einer Alternativkultur, das Erstarken der Frauenbewegung und die Aufarbeitung der Nazi-Herrschaft geblieben.
„Als Autorin habe ich eine radikale Haltung“, betonte die Comic-Autorin Ulli Lust zum Abschluss des dritten Tages des Literaturfestes. In ihrer aktuellen autobiografischen Graphic Novel „Wie ich versuchte, ein guter Mensch zu sein“ zeigt sie diese Haltung mit verblüffender Ehrlichkeit.

Die Vielfalt an Lebensentwürfen, unter denen Frauen heute wählen können, ist keine Selbstverständlichkeit, sondern von der Frauenbewegung hart erkämpft worden. Das machte Bettina Balàka bei ihrer Lesung aus dem Essayband „Kaiser, Krieger, Heldinnen“ Samstagvormittag deutlich. Dass demokratische Grundwerte nicht nur erkämpft, sondern auch verteidigt werden müssen, betonte bei dieser Matinee in der academy Café Bar Angelika Reitzer mit ihrem Text „Die Finsternis aufhalten“. Den Schlusspunkt setzte Christian Schacherreiter mit seinem Roman „Wie die Fahrt zu Ende geht“, einem launigen Abgesang auf jene Generation, die sich einst durch den gesellschaftlichen Aufbruch des 68er Jahres bestärkt sah.

„Strangers in the Night“ erklang zum Auftakt von Dorit Ehlers Lesung in der Bar des Hotel Bristols, doch die AutorInnen, die sie in ihrer „Erlesenen Runde“ versammelt hatte, waren wohlbekannte SchriftstellerInnen und deren Romanfiguren.

„Ich bräuchte Dich unter allen Umständen zu allen Dingen und allen Zeiten“, schrieb Bert Brecht an seine „Hauptfrau“ Helene Weigel: Bettina Hering, die Schauspielleiterin der Salzburger Festspiele, hat den Briefwechsel dieses epochemachenden Theaterpaares zu einem Leseabend mit Stefanie Reinsperger und Nico Holonics arrangiert, bei dem die Höhen und Tiefen dieser Beziehung ganz unmittelbar deutlich wurden. Abgeschlossen wurde dieser Abend im republic mit einer DJ-Line der LiteraturkritikerInnen Zita Bereuter, Sebastian Fasthuber und Bernhard Flieher.

Sonntagvormittag zeigten dann die LyrikerInnen Safiye Can, Michael Donhauser und Jan Wagner bei der abschließenden Matinee in der Edmundsburg, wie musikalisch Literatur sein kann.

Foto: Valerie Besl, Stefanie Reinsperger, Bettina Hering, Nico Holonics und Christa Gürtler © LFS – Erika Mayer